
Dr. Jekyll und Mr. Hyde – mit Presseausweis
Original Artikel: Ukraine , Hallein(SVK), Hallein(ITA), Fischbach , Kleinezeitung
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Angesicht zu Angesicht mit "Werbeschreibern" – Wenn die Wahrheit zum Feind der Redaktionen wird
1. Juli 2026
Seit neun Jahren widmen sich meine Partnerin und ich der Aufdeckung von Umweltskandalen, Missständen im Umgang mit öffentlichem Eigentum sowie Fällen, in denen sich nach unserer Überzeugung das Versagen staatlicher Institutionen mit dem Versagen der Medien überschneidet. In dieser Zeit haben wir Tausende Seiten an Dokumenten gesammelt, unzählige Gespräche mit Behörden, der Polizei, Sachverständigen und Journalisten geführt und dabei immer wieder dieselbe Erfahrung gemacht: Die größte Hürde bei der Suche nach der Wahrheit ist häufig nicht das eigentliche Problem, sondern die mangelnde Bereitschaft, offen darüber zu sprechen.
Ich betrachte die Medien nicht nur aus der Perspektive eines Menschen, der sich mit der Bitte um Hilfe an sie wendet. Ich kenne sie auch von innen. In der Vergangenheit arbeitete ich als Sportredakteur einer Regionalzeitung, kooperierte mit einem regionalen Fernsehsender und produzierte später über die Plattform Husté TV Reportagen aus dem Sportbereich. Diese Erfahrungen ermöglichten mir nicht nur einen Einblick in die faszinierende Seite des Journalismus, sondern auch in Mechanismen, die seinen eigentlichen Auftrag vollständig verdrängen können.
Bereits vor mehr als zwanzig Jahren begann ich zu erkennen, dass zwischen dem Ideal des Journalismus und seiner Realität oft ein erheblicher Unterschied besteht. Nicht immer entschieden Fakten, Beweise oder das öffentliche Interesse. Viel häufiger spielten persönliche Beziehungen, wirtschaftliche Interessen oder die Bereitschaft, die "richtigen Leute" zu schützen, eine entscheidende Rolle. Damals glaubte ich noch, es handle sich lediglich um vereinzelte Erfahrungen.
Nach neun Jahren investigativer Arbeit in Österreich, der Slowakei und Italien muss ich jedoch feststellen, dass sich dieselben Mechanismen viel zu häufig wiederholten, um sie noch als Zufall betrachten zu können.
Dieser Artikel ist deshalb kein Angriff auf den Journalismus als Beruf. Im Gegenteil. Er ist Ausdruck meiner Wertschätzung gegenüber all jenen Journalistinnen und Journalisten, die ihre Arbeit ehrlich, gewissenhaft und mit Respekt vor den Fakten ausüben. Gleichzeitig ist er eine Kritik an jenen, die nach meiner Auffassung die grundlegenden Prinzipien journalistischer Ethik aufgegeben und Medien zu Instrumenten der Propaganda, persönlicher Interessen oder zum Schutz mächtiger Akteure gemacht haben.
Während unserer Recherchen begegneten wir immer wieder Situationen, in denen dokumentierte Beweise ignoriert wurden, ausschließlich einer Konfliktpartei Raum gegeben wurde und Fragen, die eine gründliche Überprüfung verdient hätten, unbeantwortet blieben. Manche Redaktionen zeichneten anstelle einer sorgfältigen Faktenprüfung ein einseitiges Bild der Ereignisse – weit entfernt von objektiver Berichterstattung.
Genau deshalb ist dieser Text entstanden.
Nicht, um jemanden zu beleidigen oder Sensationen zu erzeugen. Sondern um zu zeigen, wie eine Situation aussehen kann, wenn ein Journalist aufhört zu fragen, aufhört zu überprüfen und nur noch einer einzigen Version einer Geschichte glaubt. In diesem Moment hört er auf, Journalist zu sein, und wird zum Werkzeug anderer.
Die folgenden Kapitel schildern unsere eigenen Erfahrungen, Dokumente und Ereignisse, die uns zu der Überzeugung geführt haben, dass das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Medien nicht durch Marketingslogans zurückgewonnen werden kann. Es kann nur durch ehrliche Arbeit, konsequente Faktenprüfung und die Bereitschaft wiederhergestellt werden, eigene Fehler einzugestehen.
Von regionalen Erfahrungen zu Fragen des Vertrauens in die Medien
Meine ersten Erfahrungen mit den Medien sammelte ich im Regionaljournalismus. Damals war ich überzeugt, dass gute Arbeit, Fakten und persönliche Integrität das Wichtigste seien, was ein Journalist der Öffentlichkeit bieten könne. Mit der Zeit lernte ich jedoch auch die andere Seite der Medienwelt kennen.
Bei einem regionalen Fernsehsender wurde ich Zeuge von Situationen, in denen fachliche Kompetenz zunehmend an Bedeutung verlor. Personalentscheidungen wurden häufig nicht nach Qualität getroffen, sondern nach persönlichen Beziehungen, Bekanntschaften oder wirtschaftlichen Interessen. Menschen ohne ausreichende Erfahrung gelangten in Führungspositionen, während von den Redakteuren immer mehr Arbeit erwartet wurde – oftmals ohne angemessene Bezahlung.
Zum Alltag gehörten Streitigkeiten über Honorare, das ständige Infragestellen bereits geleisteter Arbeit und die Suche nach Gründen, weshalb Mitarbeitern Leistungen vorenthalten wurden, die ursprünglich vereinbart worden waren. Anstatt qualitativ hochwertigen Journalismus zu fördern, entstand ein Arbeitsumfeld, das von Druck, Unsicherheit und der Abhängigkeit von den Entscheidungen eines kleinen Personenkreises geprägt war.
Damals hielt ich dies für das Problem einer einzelnen Redaktion. Ich ahnte nicht, dass ich Jahre später im Rahmen investigativer Recherchen in Österreich auf sehr ähnliche Mechanismen stoßen würde.
Während unserer neunjährigen Untersuchungen zu Umweltskandalen wandten wir uns an verschiedene Redaktionen und legten umfangreiche Dokumentationen, Gutachten, behördliche Entscheidungen, Fotografien und Zeugenaussagen vor. Unser Ziel war nie, Journalisten davon zu überzeugen, uns zu glauben. Wir baten lediglich darum, sämtliche verfügbaren Fakten sorgfältig zu überprüfen, bevor Informationen veröffentlicht werden.
Anstelle eines offenen Dialogs begegneten wir jedoch immer wieder einem einseitigen Vorgehen. In manchen Fällen erschienen Artikel, ohne dass unsere Beweismittel gründlich ausgewertet oder uns ausreichend Gelegenheit gegeben wurde, diese zu erläutern. Gerade diese Erfahrungen ließen in uns die Frage entstehen, ob ein Teil der Medien seiner eigentlichen Aufgabe noch gerecht wird – nämlich Informationen unabhängig zu überprüfen und der Öffentlichkeit ein möglichst objektives Bild der Realität zu vermitteln.
Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass alle Journalistinnen und Journalisten auf dieselbe Weise arbeiten. Auf unserem Weg begegneten wir auch hochprofessionellen Medienschaffenden, die bereit waren zuzuhören, unbequeme Fragen zu stellen und Dokumente unabhängig davon zu prüfen, wen sie betrafen. Gerade durch sie wissen wir, dass echter investigativer Journalismus nach wie vor existiert.
Gleichzeitig haben wir jedoch erkannt, dass Medien dort, wo sie aufhören zu hinterfragen und stattdessen die Behauptungen nur einer Seite unkritisch übernehmen, ihre Kontrollfunktion verlieren. In diesem Moment dienen sie nicht mehr der Öffentlichkeit, sondern tragen zur Konstruktion eines medialen Narrativs bei, das für alle Beteiligten weitreichende Folgen haben kann.
Genau diese Erfahrungen gehören zu den wichtigsten Gründen, weshalb dieser Artikel entstanden ist.
Wenn der Kampf um die Wahrheit Teil eines medialen Spiels wird
Im Laufe unserer jahrelangen investigativen Arbeit haben wir erkannt, dass eines der größten Probleme unserer heutigen Gesellschaft nicht allein der Mangel an Informationen ist. Weitaus gefährlicher ist eine Situation, in der der Eindruck entsteht, die Wahrheit sei bereits ans Licht gekommen, obwohl die entscheidenden Fragen in Wirklichkeit nie gestellt wurden.
Genau deshalb begegnen wir immer häufiger einem Phänomen, das italienische Experten für organisierte Kriminalität als "antimafia di facciata" bezeichnen – einer Fassade des Kampfes gegen Korruption oder die Mafia, hinter der jedoch kein ernsthafter Wille steht, deren eigentliche Strukturen offenzulegen.
Nach außen wirkt alles überzeugend. Es gibt Fernsehreportagen, Interviews, Titelgeschichten und öffentliche Diskussionen. Beginnt man sich jedoch mit den Dokumenten und den konkreten Beweisen auseinanderzusetzen, stellt man häufig fest, dass die wesentlichen Fragen unbeantwortet geblieben sind.
Ähnliche Erfahrungen haben auch wir gemacht. Im Laufe der Jahre wurden wir von mehreren Journalistinnen und Journalisten kontaktiert, die unsere Geschichte recherchieren wollten. Wir führten zahlreiche Gespräche, übergaben umfangreiche Dokumentationen und beantworteten Dutzende von Fragen. Nicht selten investierten wir Tage oder sogar Wochen in die Vorbereitung.
Das Ergebnis war jedoch oft dasselbe.
Die Kommunikation brach nach und nach ab, vorbereitete Reportagen wurden nie ausgestrahlt oder verschwanden ohne jede Erklärung in der Schublade. In anderen Fällen entstanden Beiträge, die aus einer umfangreichen Beweislage lediglich einzelne Fragmente aufgriffen und entscheidende Zusammenhänge vollständig ausließen.
Diese Erfahrungen haben uns eine wichtige Erkenntnis vermittelt: Nicht jede Recherche, die sich als investigativer Journalismus präsentiert, verfolgt tatsächlich das Ziel, die Wahrheit aufzudecken. Manchmal entsteht eher der Eindruck von Aktivität als ein ernsthaftes Bemühen, dem Kern eines Problems auf den Grund zu gehen.
Besonders problematisch erscheint uns eine Situation, in der sich ein Journalist oder ein Medium mit der ersten Erklärung zufriedengibt, die von jener Person stammt, deren Handeln eigentlich überprüft werden sollte. Denn investigative Arbeit beginnt nicht mit der Übernahme einer Stellungnahme. Im Gegenteil – genau dort sollte die sorgfältige Prüfung der Dokumente, der Abgleich von Informationen und die Verifizierung aller Behauptungen anhand mehrerer unabhängiger Quellen erst beginnen.
Während unserer Untersuchungen erlebten wir immer wieder, dass der Öffentlichkeit eine sehr einfache Geschichte präsentiert wurde. Legten wir jedoch Hunderte Seiten an Dokumenten, Gutachten, behördlichen Entscheidungen und Zeugenaussagen daneben, zeigte sich, dass die Wirklichkeit weitaus komplexer war.
Aus diesem Grund haben wir beschlossen, sämtliche wesentlichen Dokumente schrittweise zu veröffentlichen. Nicht, um irgendjemanden von unserer Sichtweise zu überzeugen, sondern damit jede Leserin und jeder Leser sich auf Grundlage der Originalunterlagen eine eigene Meinung bilden kann – und nicht allein auf Basis medialer Interpretationen.
Wir sind überzeugt, dass Vertrauen nicht durch laute Schlagzeilen oder emotionale Fernsehauftritte entsteht. Vertrauen entsteht dort, wo Fakten für alle zugänglich sind und die Öffentlichkeit die Möglichkeit hat, Behauptungen mit den Originaldokumenten zu vergleichen.
Nach unserer Auffassung bildet genau dies das Fundament jeder ernsthaften investigativen Arbeit.
Wenn Beweise unbequem werden
Zu Beginn glaubten wir noch, dass Journalistinnen und Journalisten sich mit vorgelegten Beweisen ebenso sorgfältig auseinandersetzen würden wie mit jeder anderen bedeutenden Recherche. Wir verlangten weder, dass man uns glaubt, noch dass unsere Schlussfolgerungen ungeprüft übernommen werden. Wir erwarteten lediglich das, was eigentlich selbstverständlich sein sollte: eine gewissenhafte Prüfung der vorgelegten Unterlagen.
Im Laufe der Jahre stellten wir verschiedenen Redaktionen Hunderte Seiten an Dokumenten zur Verfügung – Sachverständigengutachten, Laboranalysen, Fotografien, Videos, behördliche Entscheidungen, Grundbuchauszüge, Luftbilder sowie Zeugenaussagen. Viele dieser Unterlagen stammten unmittelbar von österreichischen Behörden oder waren Bestandteil laufender Verwaltungs- und Gerichtsverfahren.
Genau an diesem Punkt begann sich nach unseren Erfahrungen jedoch immer wieder dasselbe Muster zu wiederholen.
Solange die Themen allgemein blieben, war Interesse vorhanden. Sobald jedoch konkrete Namen, konkrete Dokumente und Fragen nach einem möglichen Fehlverhalten von Behörden oder öffentlichen Amtsträgern auftauchten, brach die Kommunikation häufig abrupt ab. Manche Journalistinnen und Journalisten antworteten nicht mehr, andere erklärten, sie würden sich mit dem Thema nicht weiter befassen. In einigen Fällen erschienen Beiträge, die nach unserer Einschätzung ausschließlich einer Seite Raum gaben.
Am meisten überraschte uns dabei nicht, dass jemand unsere Auffassung nicht teilte. Überraschend war vielmehr, dass zahlreiche Dokumente, deren Echtheit und Inhalt ohne Weiteres überprüfbar gewesen wären, in den veröffentlichten Beiträgen überhaupt keine Erwähnung fanden. Dabei handelte es sich nicht um unsere Meinungen, sondern um behördliche Entscheidungen, technische Dokumentationen, Laborergebnisse oder schriftliche Beweismittel, die bereits vor der Veröffentlichung der jeweiligen Artikel existierten.
Genau in diesem Moment stellten wir uns eine einfache Frage:
Wie kann ein objektiver journalistischer Beitrag entstehen, wenn eine Redaktion nicht mit sämtlichen verfügbaren Unterlagen arbeitet?
Diese Frage begleitet uns bis heute.
Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass jede Journalistin oder jeder Journalist vorsätzlich handelt oder dass jeder Fehler auf bösem Willen beruht. Investigative Recherche ist anspruchsvoll, und Irrtümer können vorkommen. Wiederholt sich jedoch dieselbe Arbeitsweise über mehrere Fälle, bei verschiedenen Redaktionen und über einen langen Zeitraum hinweg, stellt sich berechtigterweise die Frage, ob es sich nicht um ein strukturelles Problem handelt.
Aus diesem Grund haben wir beschlossen, die Originaldokumente vollständig zu veröffentlichen. Wir möchten nicht, dass Leserinnen und Leser unsere Schlussfolgerungen übernehmen, nur weil wir sie vertreten. Vielmehr sollen sie die Möglichkeit haben, Behauptungen mit Originalunterlagen, Daten, Entscheidungen und Beweisen zu vergleichen und sich selbst ein Urteil zu bilden.
Mit zunehmendem zeitlichen Abstand haben wir erkannt, dass der größte Wert investigativer Arbeit nicht darin besteht, die Öffentlichkeit zu überzeugen. Ihr größter Wert besteht darin, der Öffentlichkeit die Möglichkeit zu geben, die Fakten eigenständig zu überprüfen.
Und genau das ist auch das Ziel dieses Artikels.
Der Fall Jutta Ziegler: Wenn eine einzige Stellungnahme investigative Recherche ersetzt
Einer der ersten Fälle, der bei uns ernsthafte Zweifel an der Qualität mancher medialer Berichterstattung aufkommen ließ, war der Fall Jutta Ziegler.
Im Verlauf unserer Recherchen stießen wir auf mehrere Unstimmigkeiten in den öffentlich zugänglichen Angaben zu ihrer Person. Dabei handelte es sich weder um unbegründete Vermutungen noch um Diskussionen in sozialen Netzwerken. Wir entschieden uns vielmehr für das, was eigentlich selbstverständlicher Bestandteil jeder investigativen Recherche sein sollte: die systematische Überprüfung einzelner Behauptungen.
Wir verglichen Informationen aus öffentlich zugänglichen Lebensläufen, Veröffentlichungen, Internetseiten sowie weiteren Dokumenten. Dabei stellten wir nach und nach fest, dass sich einzelne Angaben widersprachen. Die Abweichungen betrafen unter anderem Informationen über ihre Ausbildung sowie die zeitliche Abfolge ihrer beruflichen Laufbahn.
Diese Erkenntnisse stellten wir Journalistinnen und Journalisten zusammen mit den entsprechenden Unterlagen zur Verfügung, die unserer Auffassung nach Anlass für eine weitergehende Überprüfung boten.
Nach unseren Erfahrungen folgte jedoch kein umfassender Faktencheck. Stattdessen wurde ein wesentlich einfacherer Weg gewählt. Eine einzige Stellungnahme von Jutta Ziegler, in der sie die aufgeworfenen Fragen erläuterte, genügte offenbar einigen Redaktionen, um den Fall als abgeschlossen zu betrachten.
Genau dieser Moment überraschte uns.
Wenn ein investigativer Journalist Dokumente erhält, die auf mögliche Unstimmigkeiten hindeuten, sollte er sich nicht allein mit der Erklärung derjenigen Person zufriedengeben, deren Angaben überprüft werden. Im Gegenteil – genau an diesem Punkt müsste der wichtigste Teil der Recherche beginnen: die unabhängige Überprüfung sämtlicher verfügbarer Informationen.
Aus diesem Grund setzten wir unsere eigenen Recherchen fort.
Wir wandten uns an weitere Quellen, überprüften historische Unterlagen, verglichen Daten aus unterschiedlichen Zeiträumen und versuchten, eine möglichst präzise zeitliche Rekonstruktion der Ereignisse zu erstellen. Unser Ziel war nicht, jemanden zu beschuldigen, sondern festzustellen, ob die öffentlich dargestellten Informationen mit den verfügbaren Dokumenten übereinstimmen.
Gerade dieser Fall ließ in uns erstmals die Frage entstehen, ob ein Teil der Medien seiner eigentlichen Aufgabe noch gerecht wird – nämlich Behauptungen unabhängig davon zu überprüfen, von wem sie stammen.
Denn investigative Recherche endet nicht mit einer Stellungnahme.
Sie sollte genau dort erst beginnen.
Der Fall Nicole Stranzl: Der Artikel über eine Gerichtsverhandlung, an der wir nicht teilnehmen konnten
Eines der Ereignisse, das bei uns erhebliche Zweifel an der Arbeitsweise eines Teils der regionalen Medien aufkommen ließ, war die Berichterstattung der Kleinen Zeitung vom 28. November 2025.
Zu diesem Zeitpunkt lief gegen uns ein Verfahren über den Antrag auf Erlassung einer einstweiligen Verfügung. Der ursprüngliche Verhandlungstermin war für den 28. November 2025 angesetzt.
Kurz vor der Verhandlung entschied die Vorsitzende Richterin, Mag. Dalia Tanczos, den Termin zu verschieben. Der entsprechende Beschluss wurde am 26. November 2025 erlassen. Als neuer Verhandlungstermin wurde der 29. Januar 2026 festgesetzt. Gleichzeitig wurde ausdrücklich festgehalten, dass die Einvernahme der Parteien im Verfahren über die einstweilige Verfügung sowie im Verfahren über die Verfahrenshilfe trotz der Vertagung am 28. November 2025 um 9:30 Uhr stattfinden werde.
Das eigentliche Problem lag jedoch an anderer Stelle.
Uns wurde eine gerichtliche Ladung zugestellt, in der als Verhandlungstermin der 28. November 2026 – also ein Jahr später – angegeben war. Für uns bestand daher keinerlei Anlass, an der Richtigkeit dieser Angabe zu zweifeln, da wir uns auf ein offiziell zugestelltes Gerichtsdokument verlassen konnten.
Hinzu kam, dass wir uns in dieser Zeit mit erheblichen gesundheitlichen Problemen auseinandersetzen mussten. Ich war aufgrund einer Verschlechterung meines Gesundheitszustandes im Zusammenhang mit der diagnostizierten COPD GOLD II krankgeschrieben, was unsere Situation zusätzlich erschwerte.
Als die Einvernahme am 28. November 2025 ohne unsere Anwesenheit stattfand, hatten wir keine Möglichkeit, auf die Aussagen der Gegenseite zu reagieren, Fragen zu stellen oder unsere Beweismittel unmittelbar vorzulegen.
Kurz darauf veröffentlichte die Kleine Zeitung einen Artikel der Redakteurin Nicole Stranzl, die bei der Gerichtsverhandlung persönlich anwesend gewesen war.
Von der Veröffentlichung erfuhren wir jedoch nicht durch die Redaktion.
Nach unseren Informationen wurden wir erst von Polizeibeamten auf die Existenz des Artikels aufmerksam gemacht. Erst danach nahmen wir Kontakt mit der Redaktion auf, übermittelten die entsprechenden Unterlagen und ersuchten um die Möglichkeit, zu den im Artikel enthaltenen Behauptungen Stellung zu nehmen.
Gerade diese zeitliche Abfolge halten wir für wesentlich. Der Artikel entstand nach einer Gerichtsverhandlung, an der wir aufgrund eines fehlerhaft zugestellten Verhandlungstermins nicht teilnehmen konnten. Unser Standpunkt wurde vor der Veröffentlichung des Beitrags nicht eingeholt.
Konsequenzen, die nicht nur auf dem Papier blieben
Nachdem wir unsere Aufforderung zur Stellungnahme versandt hatten, erwarteten wir, dass der Verlag unsere Einwände prüfen, mit den vorgelegten Dokumenten abgleichen und eine klare Position beziehen würde. Kurz nach Zustellung meldete sich eine Mitarbeiterin der Zentrale der Kleine Zeitung telefonisch bei uns. Während des Gesprächs drückte sie ihr Bedauern über die entstandene Situation aus und entschuldigte sich für die Art und Weise der Kommunikation. Wir glaubten daher, dass die Redaktion alle eingereichten Unterlagen nochmals prüfen und eine redaktionelle Korrektur oder Ergänzung des Artikels in Erwägung ziehen würde.
Doch nach unserer Erfahrung ist dies nicht geschehen.
Seit diesem Telefonat ist die Kommunikation praktisch zum Erliegen gekommen. Auf unsere weiteren Kontaktversuche erhielten wir keine Antworten mehr, und unsere Telefonate blieben ohne sachliche Reaktion. Der ursprüngliche Artikel blieb ohne Korrektur, Ergänzung oder redaktionelle Anmerkung veröffentlicht.
Damit endete seine Geschichte jedoch nicht.
Der Artikel blieb nicht nur ein Medienbericht. Später wurde er Teil eines zivilrechtlichen Verfahrens über unsere Zwangsräumung und diente als eine der Grundlagen in diesem Verfahren. Damit hat er unserer Ansicht nach die Grenze der üblichen journalistischen Berichterstattung überschritten und konkrete rechtliche Folgen nach sich gezogen.
Zu jener Zeit befand ich mich zudem wegen schwerwiegender gesundheitlicher Probleme in Behandlung, einschließlich einer diagnostizierten COPD GOLD II. Der lang anhaltende Stress durch die Gerichtsverfahren, die Medialisierung des Falls und die nachfolgenden rechtlichen Schritte stellten für mich eine erhebliche psychische und physische Belastung dar.
Wir wollen nicht behaupten, dass ein einziger Zeitungsartikel an all unseren Problemen schuld sei. Das wäre unpräzise. Wir sind jedoch überzeugt, dass sich Medien bewusst sein müssen, dass ihre Publikationen sehr konkrete Auswirkungen auf das Leben von Menschen haben können. Wenn sie Teil von Gerichtsverfahren werden oder die öffentliche Meinung noch vor Abschluss der Verfahren beeinflussen, ist die Verantwortung der Redaktion für die Genauigkeit und Ausgewogenheit der Informationen umso größer.
Auch deshalb haben wir uns entschieden, den gesamten Kommunikationsverlauf sowie alle relevanten Dokumente zu veröffentlichen und es dem Leser zu überlassen, selbst zu beurteilen, ob in unserem Fall die Standards eingehalten wurden, die ein hochwertiger und unabhängiger Journalismus erfüllen sollte.
Der Preis für die Wahrheit: Wenn man Verbündete "verraten" muss, um sie zu retten
Unser Kampf geht nicht nur um Fakten, sondern um die Taktik des Überlebens in einem System, in dem "Fico gleich 'Ndrangheta" keine bloße Hypothese ist, sondern ein Wissen, das durch Aussagen von Menschen aus den höchsten Kreisen der Geheimdienste belegt ist. Als wir diese Information erhielten, verstanden wir, dass wir uns an der Grenze zwischen Leben und Tod bewegen. Journalisten wie Gabika Halmová oder Menschen aus dem Slobodný vysielač (z. B. Herr Hazucha) gerieten ins Visier, weil sie ein Thema berührten, das für diese "Euro-Mafia" tabu ist.
Wir mussten eine schwere Entscheidung treffen: Um sie vor dem Schicksal von Ján Kuciak zu schützen, täuschten wir öffentlich eine Meinungsverschiedenheit und eine "Trennung" von ihnen vor. Es ist pervers, dass ein ehrlicher Journalist in der heutigen Zeit vortäuschen muss, Teil des Systems zu sein, nur um weiter atmen und arbeiten zu können. Das ist die "Maschinerie", von der der In Sicilia Report schreibt – ein System, in dem die Wahrheit mit Vernichtung bestraft wird und in dem auf einen ehrlichen Menschen tausend "Werbeschreiber" auf der Gehaltsliste der Mafia kommen.
Unsere Erfahrung aus der Ukraine (Jahr 2022) hat dieses Muster nur bestätigt. Während wir direkt im Rajon Obolon die Realität sahen, die die Medien lieber verschwiegen – das Sprengen der eigenen Brücken, Waffen in den Händen freigelassener Häftlinge und der wahre Ursprung der Explosionen in den Stadtzentren –, spuckten die Mainstream-Medien Geschichten auf Bestellung aus. Wer die Realität brachte, wurde als Feind markiert.
Heute wissen wir, dass dieses Mediennetzwerk kein Zufall ist. Es ist eine gut geschmierte Maschine mit einem einzigen Ziel: die Einwohner in der Illusion zu halten, sie lebten in einem Rechtsstaat, während die wirklichen Entscheidungen von Menschen getroffen werden, die mit dem organisierten Verbrechen verbunden sind.
Nicole Stranzl: Journalistin der "Systemkonformität"
Biografische Ausrichtung: Sie agiert innerhalb etablierter Strukturen wie der Kleine Zeitung. Ihre Karriere ist mit Redaktionen verknüpft, die von Konformität und dem Schutz bestehender Machtstrukturen profitieren.
Methode: Ihre Arbeit basiert auf einseitigen Artikeln, die kriminelle Gruppen decken, und auf der Bereitschaft, im Moment der Konfrontation die "Diskussion zu beenden", anstatt sich der Gegenrede zu stellen. Sie ist eine "Journalistin", die das System schützt und nicht das öffentliche Interesse.
Mut und Integrität: Sie definieren Mut über das Risiko für ihr eigenes Leben. Während Stranzl Journalisten mit Schweigen droht, sehen sie sich wegen der Veröffentlichung der Wahrheit mit Morddrohungen, Überwachung und jahrelangen haltlosen Anschuldigungen konfrontiert.
Gabika Halmová und Angelo Di Natale: Journalisten an der "Frontlinie"
Biografische Ausrichtung: Ihre Karrieren wurden nicht durch die Bequemlichkeit von Redaktionsstuben aufgebaut, sondern durch die Bereitschaft, dorthin zu gehen, wo andere aufhören. Angelo Di Natale repräsentiert als Chef des In Sicilia Report die Tradition einer echten investigativen Arbeit, die selbst vor der 'Ndrangheta nicht zurückschreckt.
Methode: Sie arbeiten mit der Realität, nicht mit einem Narrativ. Gabika Halmová scheute sich nicht, Themen anzusprechen, die für die "Euro-Mafia" tabu sind – selbst um den Preis, dass sie sich durch taktische Manöver (öffentliche Distanzierung) vor der Liquidierung schützen musste
Ein Aufruf zum Hinsehen
Dieser Artikel ist keine Klage. Er ist eine Anklage. Er ist eine Warnung an jede Bürgerin und jeden Bürger, der morgens die Zeitung aufschlägt oder den Fernseher einschaltet: Stellen Sie sich die Frage, wem die Gebäude gehören, in denen diese Medien ihren Sitz haben. Wenn Sie erkennen, dass es sich um dasselbe Netzwerk handelt, das Ihr Wasser, Ihre Wälder und Ihre Zukunft ausbeutet, werden Sie verstehen, warum darüber niemals berichtet wird.
Unser Kampf geht weiter. Wir sind keine "Verrückten". Wir sind diejenigen, die sich geweigert haben, vor einer Maschinerie den Kopf zu senken, die nur eines fürchtet: Ihre Fähigkeit, die Wahrheit ohne ihre Filter zu erkennen.
Das Ende der Ära der Halbwahrheiten und rituellen Lügen
Unser Bündnis mit Menschen wie Nicola Morra, Giuseppe Lumia, Salvatore Petrotto, Angelo Di Natale, Franco De Zordo, Emilio Tringali, Professor Dr. Leoluca Criscione oder Francesco Bongiovanni ist kein Zufall. Uns verbindet das Wertvollste überhaupt: die Erfahrung, ein System überlebt zu haben, das sich weder kaufen noch einschüchtern lässt.
Diese Menschen haben – ebenso wie wir – erkannt, dass die "italienische Mafia" nicht nur ein Problem des Südens ist. Sie ist eine infiltrierte Struktur, die seit dem Ende der 1980er-Jahre österreichische Banken, EU-Fördermittel und Privatisierungsmechanismen kontrolliert. Die Berichte der DIA (Direzione Investigativa Antimafia) sind diesbezüglich eindeutig, doch die Medien schweigen darüber. Warum? Weil ein stiller Konsens besteht: Über die wahren Eigentümer des Staates wird nicht gesprochen.
Wir erleben nach unserer Auffassung eine Zeit, in der ungeklärte Todesfälle und Ereignisse immer wieder Fragen über die Funktionsweise staatlicher und gesellschaftlicher Strukturen aufwerfen. Dazu zählt für uns auch der Tod des ehemaligen Sektionschefs Christian Pilnacek. Aus unserer Sicht verdeutlichen solche Fälle die Notwendigkeit einer unabhängigen und gründlichen Aufklärung.
Nach unserer Einschätzung übernehmen Medien in diesem System mitunter eher eine schützende als eine kontrollierende Funktion. Statt kritischer Recherche würden häufig nur Teilaspekte eines Sachverhalts dargestellt, wodurch die öffentliche Aufmerksamkeit von wesentlichen Fragen abgelenkt werde. Wenn sich solche Darstellungen später vor Gericht als unvollständig oder unzutreffend erweisen, werde dies aus unserer Sicht nur selten entsprechend aufgearbeitet.
Die Wahrheit misst sich nicht an der Zahl veröffentlichter Bücher oder an der Länge medialer Porträts. Sie zeigt sich in überprüfbaren Daten und in Menschen, die bereit sind, Missstände offen anzusprechen. Wie uns Vertreter von Sicherheitsbehörden einmal sagten: "Wir informieren nicht über die Mafia." Gerade deshalb halten wir es für notwendig, über solche Themen zu berichten und Dokumente öffentlich zugänglich zu machen.
Wenn Sie heute nach Qualität im medialen Umfeld suchen, dann achten Sie nicht nur auf die lautesten Stimmen. Schauen Sie auch auf jene, die zum Schweigen gebracht, ausgegrenzt oder als "verrückt" abgestempelt wurden. Denn dort finden sich mitunter Fragen und Dokumente, die eine sorgfältige Prüfung verdienen.
Unser Einsatz für die Wahrheit betrifft nicht nur uns selbst. Er betrifft die Frage, ob wir als Gesellschaft bereit sind, unsere Freiheit, unsere Kontrollmechanismen und unseren Rechtsstaat aktiv zu schützen.
Eine Botschaft an die "Dorfschreiberinnen": Wenn die Feder tödlicher ist als die Waffe
Zum Schluss muss ich mich direkt an diejenigen wenden, die aus der Sicherheit ihrer Redaktionsstuben und mit einem bequemen Blick auf den Marktplatz über Menschen schreiben, denen sie noch nie im Leben begegnet sind. Für die Journalistin der Lokalzeitung sind Michaela und ich "Verrückte" und "Wirrköpfe". Doch ich stelle mir die Frage: Stand diese Person jemals an der Frontlinie in Kiew, um mit eigenen Augen die Realität des Krieges zu sehen, über die sie nur sicher Agenturmeldungen abschreibt? Hat sie jemals das Hallein Netzwerk so tief verfolgt, um zu verstehen, wie das Land privatisiert wird? Hat sie sich jemals mit Leuten der DIA Antimafia oder mit Experten der 'Ndrangheta getroffen, die einem ins Gesicht sagen, dass das System, das sie mit ihren Artikeln schützt, bis ins Mark verrottet ist?
Die Verantwortung eines Journalisten besteht nicht darin, einen Artikel zu schreiben, der der Chefredaktion gefällt. Die Verantwortung eines Journalisten besteht darin, Verantwortung für das Schicksal der Menschen zu übernehmen, über die er schreibt. Wenn diese Schreiberin Whistleblower durch ihre Unwahrheiten als "Verrückte" oder "Spinner" abstempelt, zeichnet sie ihnen in Wirklichkeit eine Zielscheibe auf den Rücken. Sie erleichtert damit denjenigen die Arbeit, die uns am liebsten für immer zum Schweigen bringen würden.
Worte besitzen Macht. Werden sie als Mittel eingesetzt, um Menschen zu diffamieren, die Verbrechen aufdecken, werden sie selbst zu einer Waffe. Und für diese Waffe, die gegen die Wahrheit gerichtet ist, werden eines Tages nicht nur diejenigen Verantwortung tragen müssen, die sie finanzieren, sondern auch jene, die sie mit ihrer "Feder" freiwillig bedienen.






