
Das Haus, das sich an so vieles erinnert…
Das Haus, das sich an so vieles erinnert…
Es gibt Orte, an denen der Wind anders klingt.
Er streicht nicht nur über Wiesen und Wälder – er flüstert Geschichten.
Auf der Schanz, dort wo sich die Grenzen von Fischbach und Stanz im Mürztal beinahe berühren, steht ein Haus. Kein gewöhnliches Haus. Es steht nicht einfach nur da. Es beobachtet. Es bewahrt. Es erinnert sich.
Geboren im Jahr 1937, aus Holz errichtet, mit Steinfundamenten, die nur lose miteinander verbunden scheinen – und doch seit Generationen halten. Als wüssten sie, dass nicht der Mörtel, sondern der Wille trägt.
Dieses Haus hat gesehen, wie Fuhrwerke den Pass hinaufzogen.
Wie Holz geschlagen und ins Tal gebracht wurde.
Wie Kinder zwischen den Höfen spielten.
Wie Reisende Schutz vor Sturm und Schnee suchten.
Auf alten Karten von 1720 ist der Ort bereits eingezeichnet.
Damals war die Schanz nicht nur ein Übergang – sie war ein Schutzwall, ein Wachpunkt, ein Ort der Sicherheit. Manche erzählen von verborgenen Kammern, von Räumen im Inneren der Erde – wie kleine, alpine Pyramiden von Gizeh, verborgen im Schatten der Wälder. Ob Legende oder Wahrheit – eines steht fest: Dieses Gebiet war niemals zufällig besiedelt.
Hier gibt es Quellen.
Hier gibt es Weitblick.
Hier gibt es Schutz.
Und wo Wasser ist, war immer Leben.
Das vergessene Erbe
Nicht weit entfernt, in Fochnitz, steht ein weiteres Haus.
Verlassen. Still.
Die Fenster leer, als hätten sie das Warten aufgegeben.
Wie viele solcher Häuser sind bereits verschwunden?
Wie viele Geschichten hat man mit ihnen begraben?
Und dann wachsen neben ihnen moderne Bauten. Glatt. Perfekt. Funktional.
Manche bleiben leer.
Manche stehen ohne Seele.
Das Paradoxe ist:
Das alte Holzhaus lebt.
Das Neue zerfällt.
Die Hände des Großvaters
Der verstorbene Großvater Jozef.
Leiter der Werkstätten. Lehrer vieler Schüler.
Ein Mann, der wusste, wie man Holz nicht nur bearbeitet – sondern versteht.
Als Kind verbrachte ich Ferien bei ihm in Neverice, in der Slowakei.
Ich lernte sägen, hobeln, messen.
Aber vor allem lernte ich Geduld.
Viele Jahre später, als ich hier stand und die Fensterläden abschliff, bis das ursprüngliche Holz wieder sichtbar wurde – da war es, als würde er noch immer neben mir stehen.
Als würde seine Hand meine führen.
Manchmal ist Tradition kein Konzept.
Manchmal ist sie Erinnerung in den Fingern.
Ein Ort der Hoffnung
Auf der Schanz wurden Feuer gelöscht.
Müll gesammelt.
Raser aus dem Schnee gezogen.
Dieser Ort war einst ein Leuchtfeuer. Ein Zeichen von Schutz und Gemeinschaft.
Heute ist er gefährdet – nicht durch Krieg, nicht durch Sturm –
sondern durch Gleichgültigkeit.
Man sagt:
"Wer die Geschichte nicht kennt, wiederholt ihre Fehler."
Doch Geschichte bedeutet nicht, in der Vergangenheit zu leben.
Sie bedeutet, Verantwortung zu übernehmen.
Der stille Appell
Dieses Haus ist ein Zeuge.
Es wartet nicht auf Bewunderung.
Es wartet auf Verantwortung.
Es braucht Menschen, die es nicht verstecken.
Die es nicht dem Staub überlassen.
Die es nicht zur Ruine werden lassen.
Zu viele Häuser dieser Region sind bereits verschwunden.
Es ist Zeit, das zu bewahren, was unsere Vorfahren geschaffen haben.
Nicht aus Nostalgie.
Sondern aus Anstand.
Damit jene, die nach uns kommen, wissen:
Auch wir waren hier.
Auch wir waren ehrlich.
Auch wir waren verantwortlich.
Und vielleicht wird eines Tages ein Großvater seinem Enkel auf dieses Haus zeigen –
und sagen:
"Siehst du?
Manche Dinge überdauern.
Wenn man sie liebt."




