
BEWEISE GEGEN „ES IST NICHTS PASSIERT“
TAT ODER NICHTTAT – DAS IST HIER DIE FRAGE
Eine österreichische Tragikomödie in fünf Akten, einem Prolog nach dem Ende und einem Unbekannten hinter dem Vorhang
Frei erzählte politische und juristische Satire nach Motiven aus Akten, Behördenformeln und jener besonderen Gattung moderner Tragödie, in der jeder etwas gesehen hat, aber am Ende niemand etwas gesehen haben will.
PROLOG NACH DEM ENDE
Der Vorhang ist bereits gefallen.
Die Zuschauer stehen auf.
Auf der Bühne liegen:
eine abmontierte Kamera,
ein Stapel Akten,
ein zerbrochener Schlüsselbund,
drei unbeantwortete Anträge,
ein Beschluss über die Dringlichkeit,
ein weiterer Beschluss darüber, dass die Dringlichkeit offenbar doch nicht so dringend war,
und ein Mann namens Unbekannt.
Unbekannt steht hinter dem Vorhang.
In der Hand hält er einen Dolch.
Nicht, weil er jemanden erstechen will.
Nein.
Das wäre ja bereits ein Anfangsverdacht.
Er hält ihn nur.
Vielleicht zum Brieföffnen.
Vielleicht zum Käse schneiden.
Vielleicht hat er ihn überhaupt nicht.
Die Staatsanwaltschaft betritt die Bühne, sieht sich kurz um und spricht:
"Die Tat hat nicht stattgefunden."
Unbekannt schaut auf den Dolch.
Der Dolch schaut auf Unbekannt.
Der Vorhang zittert.
Aus dem Orchestergraben flüstert jemand:
"Aber da war doch…"
"Ruhe!"
Ein Beamter hebt die Hand.
"Es liegt kein Anfangsverdacht vor."
Der Unbekannte steckt den Dolch wieder hinter den Rücken.
ENDE.
Pause.
Dann erscheint eine Tafel:
ERSTER AKT – DREI WOCHEN ZUVOR
ERSTER AKT – BETRETEN ODER NICHT BETRETEN
Auftritt: Don Shakespeare.
Kein englischer Dichter.
Unser Shakespeare ist Impresario.
Regisseur.
Souffleur.
Und, zumindest in dieser grotesken Allegorie, Pate eines Ensembles, das seit Jahren dasselbe Stück spielt.
Er sitzt in einer Loge und diktiert:
"Betreten oder nicht betreten – das ist hier die Frage."
Neben ihm sitzt Baron von Zuständigkeit.
Der antwortet:
"Betreten."
Graf Rechtsgrundlage hustet.
"Mit welcher Grundlage?"
Stille.
Don Shakespeare denkt nach.
"Schreib später eine."
Der Vorhang geht auf.
Zehn Gestalten marschieren auf die Bühne.
Uniformen.
Jacken.
Funkgeräte.
Entschlossene Gesichter.
Ein Nachbar schaut aus dem Fenster.
Ein anderer hält einen Regenschirm.
Jemand fragt:
"Gibt es einen richterlichen Befehl?"
Darauf antwortet eine Stimme:
"Wir sind bereits da."
Das ist in diesem Stück offenbar die juristische Kurzfassung.
Man betritt.
Man geht.
Man schaut.
Man öffnet.
Man entfernt.
Man trägt.
Man diskutiert.
Man bleibt.
Vierzig Minuten später treten alle wieder hinaus.
Zurück bleiben Räume, Fragen und eine Kamera weniger.
Der Chor der Akten singt:
"Protokoll! Protokoll! Wo ist das Protokoll?"
Eine kleine Figur namens Herr Niemand tritt auf.
"Welches Protokoll?"
Der Chor schweigt.
Don Shakespeare lächelt.
Das Publikum noch nicht.
ZWEITER AKT – DIE GROSSE MASCHINE DER VORSORGE
Ein Richter erscheint.
Er trägt zwei Uhren.
Auf der ersten steht:
DRINGLICH
Auf der zweiten:
SPÄTER
Der Kläger tritt vor:
"Gefahr im Verzug!"
Der Richter blickt auf die erste Uhr.
"Ja. Grundsätzlich dringend."
Das Publikum atmet auf.
Endlich.
Musik.
Fanfaren.
Die gefährdete Partei ruft:
"Die Gefahr tritt am 10. September um elf Uhr ein!"
Der Richter schaut erneut auf seine Uhren.
Dann auf die Decke.
Dann auf die Akte.
Dann auf die zweite Uhr.
"Wir werden sehen."
Der 10. September kommt.
Die angekündigte Gefahr tritt jedenfalls in wesentlichen Teilen in die Handlung ein.
Das Publikum springt auf.
"Jetzt!"
Der Richter schlägt die Akte zu.
"Nicht jetzt."
Zeit vergeht.
September.
Oktober.
Dann plötzlich:
PENG!
Ein neuer Beschluss.
Ein Termin!
Der Richter steht triumphierend auf.
"19. Oktober! Neun Uhr! Zwei Stunden! Persönlich erscheinen! Zeugen mitbringen!"
Der Chor schaut einander an.
Eine alte Frau in der ersten Reihe hebt vorsichtig die Hand:
"Entschuldigung… aber war der Sinn einer einstweiligen Verfügung nicht… vorher?"
Don Shakespeare wirft ihr einen bösen Blick zu.
Der Souffleur zischt:
"Diese Frage ist nicht Gegenstand des Verfahrens."
DRITTER AKT – DER ABGELEHNTE RICHTER
Jetzt wird es wirklich Shakespeare.
Denn der Richter wird wegen Besorgnis der Befangenheit abgelehnt.
Der Antrag lautet sinngemäß:
"Dieser Richter soll das Verfahren nicht weiter führen."
Der Richter liest den Antrag.
Er nickt.
Er überlegt.
Dann nimmt er seinen Kalender.
"Gut. Dann bestimme ich zuerst einmal den weiteren Verlauf des Verfahrens."
Das Publikum lacht.
Nicht weil es lustig ist.
Sondern weil das menschliche Nervensystem manchmal keine andere Verteidigung mehr kennt.
Ein Gerichtsdiener läuft herein:
"Herr Richter! Sie sind abgelehnt!"
"Ich weiß."
"Und jetzt?"
"Wir machen einen Termin."
"Ist das unaufschiebbar?"
Der Richter schaut lange in die Ferne.
"Der Termin ist in zwei Wochen."
Stille.
Der Gerichtsdiener:
"Also… unaufschiebbar langsam?"
Don Shakespeare springt auf.
"GENIAL!"
Der Chor beginnt zu singen:
"Unaufschiebbar! Unaufschiebbar!
Was zwei Wochen warten kann, ist offenbar unaufschiebbar!"
Der Richter verbeugt sich.
VIERTER AKT – DER MANN NAMENS ANFANGSVERDACHT
Nun betritt die wichtigste Figur das Stück.
Ein kleiner Mann.
Blass.
Nervös.
Auf seinem Mantel steht:
ANFANGSVERDACHT
Er wird von allen gesucht.
Polizei:
"Habt ihr ihn gesehen?"
Staatsanwaltschaft:
"Nein."
Akten:
"Vielleicht hier."
Video:
"Vielleicht dort."
Zeugen:
"Wir haben etwas beobachtet."
Anfangsverdacht läuft quer über die Bühne.
Alle sehen ihn.
Niemand erkennt ihn.
Er versteckt sich hinter einer Säule.
Die Staatsanwältin schaut direkt zu ihm.
"Nein."
Er winkt.
"Nein."
Er springt auf einen Tisch.
"Nein."
Er zieht eine Trompete hervor und spielt die österreichische Bundeshymne.
"Noch immer nein."
Schließlich tritt Herr Unbekannt auf.
"Ich kenne ihn."
Die ganze Bühne erstarrt.
"Wen?"
"Anfangsverdacht."
Don Shakespeare wirft sofort den Vorhang zu.
FÜNFTER AKT – DIE AKTEN BEGINNEN ZU REDEN
Hier begeht Don Shakespeare seinen größten Fehler.
Er glaubt, Akten seien still.
Doch plötzlich beginnen sie zu sprechen.
Die erste Akte sagt:
"Hier steht: dringend."
Die zweite:
"Hier steht: Gefahr im Verzug."
Die dritte:
"Hier steht ein konkretes Datum."
Die vierte:
"Hier ist ein späterer Termin."
Die fünfte:
"Hier ist eine Ablehnung."
Die sechste:
"Hier handelt der Abgelehnte weiter."
Die siebte:
"Hier ist ein Polizeieinsatz."
Die achte:
"Hier ist eine Anzeige."
Die neunte:
"Hier ist die Einstellung."
Die zehnte erhebt sich langsam.
Sie ist sehr dick.
Sehr schwer.
Auf ihrem Rücken steht:
CHRONOLOGIE
Don Shakespeare wird blass.
Denn eine Akte kann man erklären.
Zwei Akten kann man relativieren.
Drei Akten kann man verschiedenen Behörden zuordnen.
Aber eine Chronologie?
Eine Chronologie ist unhöflich.
Sie fragt:
"Was wussten Sie wann?"
Sie fragt:
"Warum wurde hier sofort gehandelt und dort nicht?"
Sie fragt:
"Warum galt etwas gestern als dringend und heute nicht mehr?"
Sie fragt:
"Warum darf der Abgelehnte den nächsten Akt inszenieren?"
Und die schlimmste Frage:
"Wenn nichts passiert ist – was genau sehen wir dann auf all diesen Seiten?"
Don Shakespeare blickt hektisch zu seinen Schauspielern.
Doch jetzt beginnt das Ensemble nervös zu werden.
Der eine sagt:
"Ich war nur zuständig für Akt II."
Der zweite:
"Ich kenne Akt II nicht."
Der dritte:
"Ich war an diesem Tag im Urlaub."
Der vierte:
"Meine Entscheidung betrifft nur einen Nebenaspekt."
Der fünfte:
"Das war eine andere Geschäftszahl."
Der sechste:
"Das ist ein anderes Verfahren."
Der siebte:
"Ich habe lediglich weitergeleitet."
Der achte:
"Ich habe nur unterschrieben."
Und plötzlich erkennt Don Shakespeare das Problem:
**Alle besitzen nur einen kleinen Teil der Geschichte.
Aber jemand hat begonnen, alle Teile nebeneinanderzulegen.**
LETZTER AKT – STRASSBURG
Die Bühne wird dunkel.
Ein einzelner Scheinwerfer.
Keine Polizei.
Keine Bürgermeister.
Keine Anwälte.
Keine dramatische Musik.
Nur ein Tisch.
Darauf:
DOKUMENT 1.
DOKUMENT 2.
VIDEO 1.
BESCHLUSS 1.
BESCHLUSS 2.
ZEITSTEMPEL.
CHRONOLOGIE.
Don Shakespeare betritt noch einmal die Bühne.
Er ist müde.
Sein Mantel ist zerrissen.
Hinter ihm steht Herr Unbekannt.
Noch immer mit dem Dolch.
Don Shakespeare flüstert:
"Sein oder Nichtsein…"
Unbekannt unterbricht ihn:
"Tat oder Nichttat?"
Stille.
Dann öffnet sich hinten eine Tür.
Darüber steht:
STRASSBURG
Don Shakespeare schaut hinein.
Zum ersten Mal kennt er den nächsten Akt nicht.
Er dreht sich zum Publikum.
"Was steht im Drehbuch?"
Der Chor antwortet:
"Diesmal gibt es kein Drehbuch."
Unbekannt hebt den Dolch.
Das Publikum erschrickt.
Er schneidet damit lediglich die Schnur des Vorhangs durch.
Der Vorhang fällt.
Doch dahinter befindet sich kein Ende.
Dahinter steht nur ein gewaltiger Berg aus Akten.
Und ganz oben ein kleiner Zettel:
"Kein Anfangsverdacht."
Herr Unbekannt sieht den Zettel an.
Dann die Akten.
Dann das Publikum.
Er zuckt mit den Schultern:
"Vielleicht im nächsten Akt."
ENDE?
Nein.
Pause. :D







